stereo acryl

1. dinge


staged, stereo acryl 2023

Plastik als Ding, Form und Stoff
Zeitgenössischer Alltag setzt sich aus Gegenständen zusammen – Dingen* – und die meisten von ihnen bestehen aus Plastik. Alltag bewegt sich innerhalb all der Plastikgegenstände, die Küchen, Kinder- oder Badezimmer ausstatten, den Joghurt-Becher, Seife-Dispensern, Klarsichtfolien, Tüten, Möbeln von IKEA, Monobloc-Stühlen, Plastikpaneelen eines ICE Zuges, dem Cockpit eines Autos. MEHR/WENIGER TEXT

Entleert man die zeitgenössischen Wohnungen von allen Plastikgegenstände, die sich darin befinden und stellt diese davor in den Flur oder Vorplatz, so ergeben sich unglaubliche Assemblagen. Nicht nur in den Metropolen, es gilt für die unterschiedlichsten Gegenden der Welt; Kalkutta, New York genau wie Niederösterreich*.

Quer über den Planeten bestehen Haushalte aus Plastik oder sind zumindest mit Plastik verbunden (Schränke, Staubsauger, Speedmintonschläger und Ball, Computer, Spielzeuge, Haushaltsgegenstände, Hygieneartikel). Aber das Herausnehmen aller Plastikgegenstände zeigt auch, wie leer die Räume erscheinen, sind einmal alle Dinge entfernt. Der leer geräumte Innenraum erscheint als Container von Alltag mit seinen Räumen in Räumen (Regale, Schränke, Tische, Kisten, Dosen, Nischen). Gerade die Kunststoffgegenstände sind oftmals multiforme und verwickelte Behälter, also kleine räumliche, formgebende Einheiten (Eimer, Schüsseln, Becher, Flaschen, Kisten, Sets) und sie stehen in Räumen/Formen, die selber Behälter sind.

Denkt man die Entdinglichung der von Plastikgegenständen entleerten Wohnräume einmal zu Ende und zählt die sog. Naturdinge zu den wegzudenkenden Dingen, schwebten wir dinglos durchs All. Der Weltraum ist aber jenseits der Raumfahrt mit seinen verwirrten Raumachsen kein Lebensraum – es ist jedoch kein Zufall, dass zur Hochphase von Plastik in den späten 1950ern und 60ern space und Raumfahrt starke Metaphern sind und softspaces planbar wurden, die der Rechtwinkligkeit entgehen und eine freie Verfügbarkeit des Verhältnisses von Form und Stoff erlauben.*

Dinge und Gegenstände sind elementar für den physischen Raum – aber auch für den psychischen, sie besetzen Intimität, Personalität, Orientierung, definieren das Innen und Außen-Verhältnis und ihre Geschlechtsspezifik bis in die Auswahl von Badezimmeraccessoires, Taschen und Interieurartikeln. Die Spannbreite von weich und hart sowohl der Plastikstoffe wie ihrer Formen gehen auf den menschlichen Körper ein, passen sich (wie bei Strumpfhosen) an, rücken ihm nahe (Hygieneartikel, Corona-Masken, Sex Toys), dringen in ihn ein (Mikroplastik oder auch Implantate). Unsere Welt der Supermärkte, Kaufhäuser und 1-€-Läden mit ihrem billigen Plastiktrash, ist tiefgehend anders als eine, in der nur einmal im Jahr ein Fliegender Händler oder Krämer vorbei kommt und Kurzwaren anbietet, ansonsten aber jeder Becher oder Schüssel lokal hergestellt werden muss (Tuch, Garn, Töpfe). Diese Welten unterscheiden sich hinsichtlich ihrer affektiven Besetzungen, der emotionalen Ladung von Gegenständen, ihrer Bindungsmöglichkeiten.

Aber wie genau ist dieser konstitutive Charakter von Dingen zu erfassen? Psychisch, sozial, anthropologisch, erkenntnistheoretisch, ontologisch? Was ‚sind‘ Dinge? Verstehen wir die Gegenständlichkeit der Dinge um uns herum intuitiv oder alltagspraktisch, werden sie von uns adäquat adressiert? Aber ist die Frage nach dem Status der Dinge nicht schon grundsätzlich falsch gestellt, wenn sie befragt, wie die Dinge auf uns wirken, wie sie sich auf uns auswirken – also nach der Affordanz der Dinge? Muss es nicht eher darum gehen, das je Eigene der Dinge zu benennen, sie für-sich zu betrachten, so weit das möglich ist? Also zu vermeiden, die Welt weiterhin anthropozentrisch auf die Menschen zu reduzieren, als drehe sich doch die Sonne um das Subjekt und es wäre nicht umgekehrt? Die Dinge nicht zu reduzieren auf ihren Status als Dekor unserer Lebenswelten, sondern sie als Bühne selbst zu betrachten oder sogar als ihr eigentlicher Akteur? Und welche Rolle spielen darin Form oder Stoff?

Über das Eigene von Ikea-Möbeln zu sprechen, erscheint als bad joke, ist nicht die Massenproduktion einer Firma wie IKEA genau das Ausschalten von ‚Eigenem‘ und liegt darin nicht – wie die Kritische Theorie implizierte – die Ursache für Wirklichkeitsverlust, Entfremdung und Verdinglichung der Moderne?

Man muss IKEA-Möbel nicht ins Parlament der Dinge aufnehmen, aber die Tatsache, dass die Frage nach Wirklichkeitsverlust angesichts von Zahnpastatuben aus Plastik möglich war, zeigt, dass in der Dialektik von Körper, Verdinglichung, Subjekt und Umgebung etwas politisch aufzuklären ist.

Plastiks Typologien, ‚Anmutungen‘ und Berührung
Kunststoffe realisieren sich als Gegenstände, als Dinge (raumnehmende, ausgedehnte Gegenstände, aber auch bedingt ‚dingliche‘ wie Folien, Schwämme, Füllstoffe, Kleber). Kunststoffe stellen unterschiedlich flexible weiche oder rigide Oberflächen her, oder, wie bei Schwämmen oder Folien, bedingte Oberflächen. Diese sind sehr unterschiedlich in Materialstärke (Dicke), Glätte, Porösität, Reißfestigkeit, Geschmeidigkeit. MEHR/WENIGER TEXT

Oberflächen sind auch affektive Flächen, sie implizieren einen Körper, voll oder leer und sie dienen sich dem Anfassen an, glänzen, sind geschmeidig, glatt oder aufgeraut. Sie haben eine „Textur“ und eine sogenannte, nicht als Energiezustand zu messender „Temperatur“.

Mit diesen Oberflächenstrukturen sind unendlich viele Alltagserfahrungen verbunden, man weiß intuitiv, wie sich Plastiktüten anfühlen in all ihren Unterschieden: von den ultradünnen, die es auf vielen Wochenmärkten gibt bis zu den verstärkten Tüten aus dickwandigeren Folien. Ihre visuellen Eigenschaften wie Brillianz, Farbigkeit, Mattheit, Transparenz oder Opazität und Glätte, Rauheit, Wachshaftigkeit all dieser Oberflächen/Materialstrukturen sind allgemein vertraut. Plastikgegenstände bilden dabei eigene und sehr komplexe „Anmutungsformen“ (als Relation von Optik und Haptik) aus. Ein PET-Joghurtbecher fühlt sich anders an und transportiert seine Berührbarkeit auch im Vorhinein visuell. Die dann stattfindende Berührung hat unterschiedliche Wirkungen, unterschiedliches Plastik reagiert unterschiedlich z.B. auf Druck (macht eventuell ein klickendes Geräusch beim Zusammendrücken), eine Plastikente ist dickwandiger, hat nicht dieselbe ultimative Glätte und das Geräusch, wenn es gedrückt wurde und wieder in den Ausgangszustand zurückschnellt, ist eher ein Plopp. Die jeweilige ‚Anmutung‘ ist die visuelle Anzeige, wie ihr Anfühlen und sich-Verhalten im Raum und zum eigenen Körper sich wahrscheinlich anfühlen wird. Sie nimmt die Berührung vorweg und kann sich bei der Berührung dann als zutreffend oder überraschend anders erweisen. Der dabei eingesetzte ‚Stoff‘ ist einfach nur Plastik allgemein, Wissen über die konkret verwendeten Materialien (also Polyethylen, Polypropylen, PVC) spielt bei der Einschätzung der Materialität keine Rolle, sie stellt kein Allgemeinwissen dar, ist aber auch für Fachleute nicht einfach erkennbar.*

Berühren ist die ultimative Form, einen Gegenstand auf seine Stofflichkeit zu beziehen, also darauf, wie er sich anfühlt. Der Akt des Berührens ist aber auch die ultimative Weise, seiner Realisierung als Form, als Stoff und als Präsenz (als Existenz unabhängig von uns, den Berührenden) nahe zu kommen und daher auch: gerecht zu werden.

Hohlformen
Die verbreitetsten Gegenstände sind aus Plastik und sie sind leicht, haben ultraharte, feste bis weiche Wände bzw. Oberflächen und sind innen hohl. Eine Shampoo-Flasche z.B. oder ein Puppenkopf. Sie stellen eine gewisse Gegenständlichkeit her, man kann sie durch den Raum werfen, aber nur bedingt jemandem damit wehtun. Eine solche Flasche steht stabil und bleibt das auch, wenn sie leer ist. Dennoch können manche von ihnen sehr weit gedrückt werden (Quetsch-Plastik), so dass sie leichter zu leeren sind. Die jeweilige Anmutung der Flasche ist unterschiedlich, sie kann eine gewisse Massigkeit versprechen, weil der Durchmesser der Wand dicker und die Flasche daher schwerer ist. Ist sie das, ist sie vielleicht aus Polyethylen oder sogar Polypropylen hergestellt, ist sie dünner dann eher aus Polyethylenterephthalat (PET) und reagiert auf Drücken mit dem bekannten krispen Klacken von Trinkflaschen, die fast keine Dicke haben und dennoch stabil sind. Dabei geben sie aber dem Drücken leicht nach und sind entsprechend leicht, durch Darauftreten können sie zerquetscht werden und knicken dabei ein. Diese Flaschen sind meist entweder markant farblich, semitransparent, vielleicht milchig oder ganz durchsichtig, wie Wasserflaschen oft. Dabei weisen sie eine Anmutung aus, die nicht mit ihrer Realität übereinstimmen muss. Diese Oberflächengestaltung ist neben ihrer Form etwas, das direkt auf die Nutzenden wirken soll. Ihre Taktilität ist nicht nur das, was ihre Anfassrealität ist, sondern auch das, was diese erwarten lässt.

Auch eine Barbiepuppe ist eine Hohlform und verfügt über unterschiedliche Stoff-Typen: der Kopf ist leicht drückbar, gibt nach, springt aber sofort wieder in die ursprüngliche Form zurück. Die Oberfläche des lange aus dem gesundheitsgefährlichen PVC gefertigten Kopfes (und den Kinder nicht nur endlos oft berührten, sondern auch oft daran lutschten) war oftmals wächsern, erzeugte eine Barbie-eigene Hautähnlichkeit (und damit auch minimale Unheimlichkeit). Der Puppenrumpf war dagegen aus undrückbarem Hartplastik, die Gliedmaßen wiederum entweder mäßig bewegbar als Vollgummi oder schon mit Scharnieren versehen als Gelenke.Iconlink

Folien/Tüten
Folien reichen von cling film, plastic wrap (Frischhaltefolie), sog. T-Shirt-Tüten, carrier bags, blister Verpackungen (Durchdrückpackungen)Iconlink bis zu den großen Folienbahnen, mit denen Wohnungen bei Streichen abgedeckt werden oder große Gegenstände vor Witterung geschützt. Folien sind billig, stehen leicht zur Verfügung und können ganze Interieurs umhüllen.

Sie bringen eine enorme Spanne ein zwischen der Leichtigkeit des Trägers (der Tüte) und seiner Belastbarkeit oder Reißfestigkeit.

Plastiktüten in den unterschiedlichsten Stärken sind heute vielleicht zum Symbol geworden für Plastik zwischen Alltags-Pragmatik und Umweltproblematik. Die Tüte ist alltäglich, leicht, war lange umsonst, kann aber viel Raum aufnehmen oder einnehmen. Seine spezifische Konstruktion macht es zum Windfänger, bläht sich daher leicht auf und kann so verwehen. Auch in der Kunst hat es Quallitäten als Symbol.CLIP

(Vakuum)Tiefziehen
Mit dem Vakuumtiefziehen lassen sich aus sehr großen Platten oder Folien Verbundprodukte herstellen wie beispielsweise eine Badewanne, aber auch Karosserieteile, Verkaufsstände, Wandbeschläge.CLIP

Schwämme
Der Schwamm ist weich und kann wissenschaftlich auskalkuliert bis zu einem Mannigfachen seiner Größe Feuchtigkeit aufnehmen. Seine Schwammstruktur kann ausgerechnet werden. Das Weiche bringt es dem Körper nahe als Instrument in der Hygiene. Es verbindet sich hier direkt mit dem Schaum, der eine ähnliche Struktur vorführt, nämlich Gegenständlichkeit mit Nichtgegenständlichkeit verbindet.

Faser/fabrics/Kleidung
Der Nylonstrumpf ist vielleicht der größte Motor gewesen in der Einführung der Kunststoffe. Er hat die plastiktypische Glätte und Glanz, verband diese in den 1940er/50er Jahren mit der Fetischisierung des weiblichen Körpers via Bein. Später verlor das Bein seinen Fetischcharakter (wurde von anderen ersetzt) und Nylon seinen Ausnahmecharakter, nämlich als Kleidungsstück ausschließlich positiv besetzt zu werden. Plastik stieß dann gerade bei Kleidungsstücken auf Widerstände und negative Besetzungen als juckend, Schweiß schlecht verarbeitend. Heute wurde diese Widerwilligkeit überschrieben von techclothing vor allem im Sportbereich und in der Verbreitung von billig-Kleidung wie im Vließ, das aus recycelten PET-Flaschen hergestellt wird. CLIP

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