chemical plastics
Und zu dieser Dingqualität gehört zum Beispiel ihr größerer Hang zur Wegwerfbarkeit, aber auch eine Reihe von kulturellen und ökonomischen und vor allem ökologische Konnotationen, man könnte sogar von einer Semantik in dieser Hinsicht sprechen, wenn man beispielsweise auch die Fragen nach Wandstärke, Qualität, Maß an trashigkeit (zb. auch ob es sich um eine single-use-Flasche handelt oder eine Pfandflasche) berücksichtigt.
Und was ist mit seiner „tatsächlichen“ Stofflichkeit, der Materialität, seiner Herstellung aus Polymeren, also ihrer chemische Zusammensetzung? Was ist, wenn man sich beschäftigt mit den unterschiedlichen Stoffeigenschaften von PE, PP, PET oder von Polymethylmethacrylat (PMMA, Plexiglas), Acryl-Butadien-Styrol (ABS, Legosteine)?
Was also liegt mit einer Polyethylen-Flasche in der Hand? Was fassen wir an mit einem Schwamm aus Polyurethan? Was ist seine Materialität? Seine chemische Wahrheit? Seine Ontologie? Nach was für einem ‚Was‘ lässt sich hier fragen?
Von der Ontologie des Plastiks zu sprechen, könnte geradezu als contradictio in adjecto gesehen werden: schon Barthes, 1957 dem Ersten und lange dem Einzigen, der sich philosophisch mit Plastik beschäftigte, war Plastik geradezu Antimaterie, reine Verwandlung. Plastik als das, was sich substanzlos plastisch verändern lässt.
Und dennoch ist eine Plastikflasche sehr materiell, fest, haltbar, haltbarer als alles sonst, übersteht Jahrhunderte.
Die Chemiker Andrès Bernal und Edgar E. Daza untersuchen explizit diesen epistemologischen und ontologischen Status chemischer Beziehungeni und zeigen, dass sich die chemischen Verbindungen explizit einer ontologischen Feststellung entziehen; nach dem Scheitern der Korpuskeltheorien im 18. Jahrhundert habe sich die Philosophie der Chemie darauf verständigt, das Besondere der Chemie in ihren Affinitäten, Wahlverwandschaften zu sehen. Als Baukasten sei die Welt chemisch nicht zu verstehen, denn jeder Baukastenstein (Element) hab keine „intrinsic qualities“, stattdessen unterschiedliche Möglichkeiten, sich mit anderen (oder sich selbst) zu verbinden, um dann erst Eigenschaften zu ‚haben‘.
In der Chemie gelte genau das nicht, was in der Physik der Fall sei: die Wirkung geht auf alles gleich, jeder Körper ist der Schwerkraft ausgesetzt und dem Gesetz von der Beschleunigung. In der Chemie sind jedoch Körper, die nicht zueinander ‚passen‘, nicht miteinander reagieren, füreinander quasi inexistent.
Die Philosophin Karen Barad argumentiert ähnlich und zieht daraus Schlüsse, die allgemein auf Indetermination auch im Kulturellen zielen. Sie hält – in gewisser Weise – Berührung für unmöglich, weil die Tatsache, dass die Hand einen Gegenstand nicht durchdringen kann, nur bedeute, dass sich die Atome des Gegenstands und die der Hand abstoßenii, würden sie sich ‚berühren‘ – könnte man Barad hier weiterdenken – hieße das, dass die Oberfläche der Hand und die des Gegenstands miteinander reagierten und folglich eine neue Verbindung eingingen: das wäre aber nur zum Beispiel bei einer Verbrennung der Fall; eine Berührung und gleichzeitig dessen absolutes Gegenteil. Ein offenkundiges phänomenologisches Paradox.
Wie können wir diese chemische Realität (des Nicht-Berührens) ins Verhältnis setzen zu der empirischen (oder phänomenologischen) Realität, nach der die Berührung eines Gegenstands sogar dessen besondere Vergegenwärtigung ist, sowohl in seinem Verhältnis zu der Instanz, die ihn berührt als auch genau in dessen Alterität, seiner Art des Opaken?
Spielt man diese Frage an der Stofflichkeit von Wasser durch, hat man es hier mit einem ‚Element‘ zu tun, das im chemischen Sinne keins ist, sondern eine Verbindung (H2O) und das obwohl Wasser so überaus „elementar“ und zutiefst körperlich (wie im Schwimmen) erscheint. Alle Eigenschaften des Wassers, die für das Leben auf der Welt eine so große Rolle spielen, sind nicht die Eigenschaften seiner Komponenten, nämlich Sauerstoff und Wasserstoff. Über Wasser zu sagen, es sei eigentlich nicht ‚nass‘, ist chemisch gesehen zutreffend: jedes H2O besteht aus Elementen, die, wenn man sie trennt, vollkommen andere Eigenschaften haben und diese Eigenschaften fallen alle nicht unter die Kategorie ‚nass‘. Nässe ist überhaupt nur eine Folge der Bindungseigenschaften zwischen den H2O-Molekülen (also nicht innerhalb eines Moleküls, sondern von einem zum anderen, der sog, Wasserstoffbrückenbindung), die stark genug sind, um bei Normaltemperatur die Moleküle nicht wie 02- oder H2-Moleküle als Gas entschweben zu lassen, stark genug, so dass H2O eine gewisse Konsistenz behält, aber schwach genug, dass wir hindurch fassen können, dass es durch ein Sieb rinnt, dass wir darin schwimmen können. Seine umwerfende spezifische Gegenständlichkeit/Flüssigkeit ist nicht objektiv, sie ist nicht Teil ihres Objekt-Seins; oder doch: denn nur das ist Wasser, dass es auf diese Weise erfahrbar ist. Das, was sie haptisch und visuell und phänomenologisch behauptet, macht es zu dem was es ist.
Kohlenwasserstoffe
Viele, wenn auch nicht alle Kunststoffe basieren auf Erdöl bzw. Erdgas. Dennoch ist es schwer, die zähflüssige, klebrige Flüssigkeit des Erdöls mit den klaren Farben, der Transparenz, der Rigidität vieler Kunststoffe in Verbindung zu bringen. Dass Kunststoffe auf Erdöl basieren können, liegt an einer besonderen Eigenschaft der Kohlenstoffe: der damit zusammenhängende und daher organische Chemie genannte Teilbereich macht sich zunutze, dass Kohlenstoff (C) sich auch mit sich selbst verbinden kann und sehr reaktiv ist mit anderen Elementen. Die einfachste Kette eines Kohlenwasserstoffs besteht aus einem C-Atom, um das sich Wasserstoffatome (H) gruppieren. Es ist Methan. Wenn sich aber an einer Stelle vor das H-Atom ein O-Atom schiebt, dann handelt es sich um Methanol, den einfachsten Alkohol. Ethan, der nächst größere Kohlenwasserstoff (oder Alkan), wiederum hat zwei Cs, sein Alkohol ist Ethanol, der Trinkalkohol. Aber auch beim Ethan-Gas kann es Verschiebungen geben, wenn sich zwischen den Cs eine Doppelbindung einstellt, ist eine Stelle weniger frei für ein H und aus Ethan wird Ethen. Sehr nah dran an Ethan und doch anders, denn dieses Ethen, das auch Ethylen genannt wird, ist der Grundstoff für Polyethylen (PE) oder Polyethylenterepthalat (PET), den verbreiteststen Kunststoffen. Unter bestimmten, industriell hergestellten Bedingungen verketten sich diese Ethen-Moleküle und bilden die Polymere, eine sehr stabile Verbindung, eine Shampooflasche zum Beispiel. Diese Flasche aus PE kann man wieder rückabwickeln, sie kann sich durch Verbrennung ohne Rest (und ohne gesundheitsschädlíche Dämpfe abzusondern) auflösen in Ethylen-Moleküle. Diese könnte man zur Reifungsbeschleunigung von Früchten verwenden. Sie stellen buchstäblich dasselbe Gas dar, das aus einem faulen Apfel entströmt und damit die umgebenden Früchte schneller faulen lässt. Überhaupt betritt man mit den Kohlenwasserstoffen, die in unendlich komplizierten Architekturen und mit bis zu 100 C-Kettengliedern aufgebaut sein können eine unendliche Welt der Fette und Säuren und Ester, die zutiefst in die affektive Natürlichkeit von Gerüchen und Aromen verwickelt ist.
übersichtstext zu stereo acryl
instagram account zu stereo acryl
texts on plastic zu stereo acryl
films on plastic zu stereo acryl